MEHR ÜBER...

ethik  einkauf  beschaffung

Welchen Beitrag leistet der Einkauf zur Einhaltung ethischer Grundsätze?

[04.02.2006]

imageSind Ökonomie und Ökologie unvereinbar? Müssen Unternehmen ein neues ethisches Gewissen entwickeln? Und welche Rolle spielt dabei der Einkauf?

Das Forum Einkauf stellte diese Fragen im Rahmen seines Neujahrsempfangs am 25. Jänner in Wien. Den Impulsvortrag hielt Dipl.-Ing. Josef Pressler, Leiter “Strategisches Beschaffungsmanagement”, Verbund Management Service GmbH. Wir veröffentlichen den Vortragstext ungekürzt.




Wie viel Ethik braucht der Einkauf?

von Dipl.-Ing. Josef Pressler, Präsident des Forum Einkauf

Vor einigen Wochen war in der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT ein kritischer Beitrag von Charles Taylor, einem der bedeutendsten Philosophen der Gegenwart, über die heutige kapitalistische Gesellschaft zu lesen. Der Leitsatz lautete: Ohne wirtschaftliche Entwicklung können wir nicht leben. Aber gleichzeitig droht die entfesselte Ökonomie, unsere ökologischen und kulturellen Grundlagen zu zerstören.
Karl Marx erkannte schon Mitte des 19. Jahrhunderts, dass der Kapitalismus einerseits zu ungeahnten ökonomischen Leistungen führt und andererseits dazu neigt, jede Gesellschaft, in der er sich entwickelt hat, unaufhaltsam zu untergraben und aufzulösen.

Dass der Kommunismus nicht die Lösung in diesem Dilemma ist, wissen wir in der Zwischenzeit. Ob aber der heute so triumphierende Neoliberalismus die perfekte Lösung sämtlicher Probleme darstellt, darf bezweifelt werden.

Dieses Phänomen, der vermeintliche Widerspruch zwischen Ökonomie und Ökologie, zwischen wirtschaftlichem Wachstum einerseits und Nachhaltigkeit andererseits ist zwar allgemein und weltweit bekannt, aber noch keine Regierung hat dafür eine harmonische Lösung gefunden, sondern allenfalls nur instabile, Schaden begrenzende Kompromisse.

Auch die Konzerne wissen um diese Problematik, und selten hat man Unternehmer so viel und oft über Umweltschutz und soziale Verantwortung reden gehört. Kaum ein Monat vergeht derzeit ohne eine Konferenz oder einen Workshop zum Thema Nachhaltigkeit.

Dieses Wort hat sich als Übersetzung des englischen Zungenbrechers “Sustainability” etabliert, das seit der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 modern geworden ist. Die globale Vision geht über Umweltschutz und Entwicklungshilfe hinaus und bedeutet: Politik und Wirtschaft sollen künftig nach anderen Grundsätzen handeln. Statt den schnellen Gewinn zu suchen, sollen die natürlichen und sozialen Ressourcen so bewirtschaftet werden, dass sie auch künftigen Generationen noch zur Verfügung stehen.

Ein Konzept, das nicht neu ist. Bisher hat noch jede Kultur die Erfahrung gemacht, dass Raubbau unweigerlich in den Ruin führt. (Beispiel: Im 13. Jahrhundert hat in Mitteleuropa das Abholzen der Wälder für Handwerk und Energie immer wieder zu Wirtschaftskrisen geführt. Die Holznot zwang Menschen und Wirtschaft zum Auswandern und ließ Armut zurück. Erst im Jahre 1713 hat der Sachse Hans Carl von Carlowitz erstmals das Wort nachhaltend für eine Wirtschaftsweise verwendet, die nur so viel Holz einschlägt, wie zur gleichen Zeit aufgeforstet wird. Carlowitz kritisiert das auf kurzfristigen Gewinn ausgerichtete Denken seiner Zeit. Er schreibt: “Die Ökonomie hat der Wohlfahrt des Gemeinwesens zu dienen. Sie ist zu einem schonenden Umgang mit der gütigen Natur verpflichtet und an die Verantwortung für künftige Generationen gebunden.”)

Heute hat auch die Wirtschaft den Begriff der Nachhaltigkeit für sich entdeckt. Dabei möchte ich Zweifel anmelden, ob die Bekenntnisse zur Nachhaltigkeit immer das aufwändige Papier wert sind, auf dem Nachhaltigkeitsberichte gedruckt werden. Konzernvorstände wissen, dass Bekenntnisse zur Nachhaltigkeit das Unternehmensimage heben. Die praktische Umsetzung kollidiert aber oft zumindest mit kurzfristigen betriebswirtschaftlichen Zielen. Nicht zuletzt wird die Debatte um Nachhaltigkeit so stark mit Marketing vermischt, dass ein ehrliches Bemühen damit an Glaubwürdigkeit verliert.

Was aber kann nun die Beschaffung zum Thema Ethik und Nachhaltigkeit beitragen?

Damit sich ein Unternehmen für den Dow-Jones-Nachhaltigkeitsindex qualifiziert, muss es mehr bieten, als Recycling-Briefpapier und wiederbefüllte Druckertoner zu verwenden. Um in einen der alternativen Aktienfonds aufgenommen zu werden, ist etwa “die möglichst optimale Balance zwischen Umwelt, Gesellschaft und wirtschaftlicher Entwicklung” eine Voraussetzung.

Nachhaltigkeit in der Beschaffung setzt voraus, dass diese auch im Unternehmensleitbild verankert ist. Als Beispiel möchte ich die COOP Schweiz, das genossenschaftlich organisierte zweitgrößte Handelsunternehmen der Schweiz anführen, mit über 1.400 Geschäftsstellen und über 47.000 Mitarbeitern, das sich schon seit Jahrzehnten (seit 1973) für den Umweltschutz einsetzt, aber erst 2001 zehn Umweltleitsätze formuliert und in Kraft gesetzt hat. Erst danach konnte - darauf aufbauend - eine Richtlinie für die sozial-ethische und ökologische Warenbeschaffung verabschiedet werden.

Die 10 Umweltleitsätze von COOP:

  1. Wir engagieren uns für ökologisch produzierte Produkte.
  2. Wir sichern die Einhaltung der Umweltgesetze und antizipieren die zukünftige Entwicklung.
  3. Wir definieren kostenbewusst mess- und kontrollierbare Umweltziele im Rahmen des Zielsetzungsprozesses.
  4. Wir nutzen neue Technologien für umweltgerechte Lösungen.
  5. Wir minimieren Abfälle und sorgen für die umweltgerechte Entsorgung von Verpackungen und Produkten.
  6. Wir reduzieren die spezifischen Energieverbräuche und fördern Bahn- und Schiffstransporte.
  7. Wir fordern unsere Geschäftspartner zu umweltbewusstem Handeln auf.
  8. Wir schulen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu umweltbewusstem Verhalten.
  9. Wir arbeiten mit Behörden und Umweltorganisationen lösungsorientiert zusammen.
  10. Wir kommunizieren Umweltaspekte offensiv und wirkungsvoll.

Daraus wurden die Beschaffungsrichtlinien von COOP Schweiz abgeleitet.

Warenbeschaffung bei Coop - sozial, ethisch und ökologisch:

Coop setzt sich zum Ziel, bei der Beschaffung von Produkten nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale, ethische und ökologische Aspekte zu berücksichtigen.

  • Die Geschäftspartner von Coop müssen ihren Beschäftigten ausreichende Löhne und menschenwürdige Arbeitsbedingungen zusichern. Zwangsarbeit, Sklavenarbeit oder ausbeutende Kinderarbeit werden nicht toleriert. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen sich gewerkschaftlich organisieren können, und die Chancengleichheit muss unabhängig von Rasse, Hautfarbe oder anderen Merkmalen gewährleistet sein.
  • Coop setzt nach Möglichkeit Rohstoffe ein, die aus umweltverträglicher Produktion stammen. Es werden keine Rohstoffe verwendet, die zu einer Zerstörung tropischer Wälder führen oder deren Abbau die Artenvielfalt bedroht.
  • Coop verkauft keine tierischen Produkte, die aus nicht artgerechter Haltung stammen oder auf tierquälerische Weise gewonnen wurden. Werden tierische Produkte aus dem Ausland bezogen, sind bei der Aufzucht die schweizerischen Mindestanforderungen an Haltung und Fütterung einzuhalten.

Neben der allgemein formulierten Richtlinie für die Beschaffung gibt es bei COOP noch spezielle Richtlinen für Gentechnik sowie für Lebensmittel und für den Non-Food-Bereich.

Weitere allgemeine Richtlinien wurden bei COOP veröffentlicht für Ökologie (Recycling, Labels, Energie, Partner) und für Soziales (Früchte und Gemüse, Textilien, Stiftungen).

Ohne solche Unternehmensleitsätze und Richtlinien ist die Beschaffung machtlos, weil die Ökonomie die Ökologie dominieren und erdrücken würde. Und ohne die Menschen, die an der Basis, in der Beschaffung, in der Technik und beim Verbraucher der Nachhaltigkeit in der Praxis zum Durchbruch verhelfen, bleiben die Leitsätze nur theoretische Visionen. Ökologisches und soziales Bewusstsein findet vor Ort und täglich statt. Ein partnerschaftliches Verhältnis ist Voraussetzung für nachhaltige Leistungen. Ressourcen- und öko-effiziente Produkte und Dienstleistungen müssen nicht nur erzeugt, sondern vom Kunden auch akzeptiert und bezahlt werden. Der ständige Dialog und der offene Meinungsaustausch machen aus Lieferanten und Abnehmern Partner.

Wie steht es um die Bedeutung der Nachhaltigkeit in der öffentlichen Beschaffung?

Gerade die Verpflichtung zum Gemeinwohl ist eine besondere Verantwortung der öffentlichen Hand. Der Schutz der Umwelt und die Schonung der natürlichen Lebensgrundlagen gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Gegenwart, und die öffentliche Hand ist daher in besonderem Maße aktiv gefordert. Somit muss nicht nur die Politik aktiv Rahmenbedingungen setzen, sondern auch die öffentlichen Unternehmen müssen in der Beschaffung eine Vorbildfunktion übernehmen.

Die Hoffnungen, die in dieser Hinsicht an die Politik geknüpft wurden, haben sich bis heute nicht im angestrebten Umfang erfüllt. Eine Vielzahl von Regelungen der öffentlichen Beschaffung führen zu Interpretationsschwierigkeiten und Rechtsunsicherheiten. In der Zwischenzeit wurden jedoch viele Fragen EU-weit offiziell und eindeutig geklärt. Eine nachhaltige öffentliche Beschaffung bedeutet zum Beispiel:

  • Stoff- und Energieflüsse wie auch schädliche Emissionen in die Umwelt werden reduziert (ökologische Ziele).
  • Die Gesamtkosten werden aus volkswirtschaftlicher Sicht reduziert. Die wirtschaftliche Effizienz wird gesteigert. Frühzeitig erkannte Folgekosten in anderen Bereichen werden vermieden (ökonomische Ziele).
  • Soziale Aspekte werden mit berücksichtigt, die gesellschaftliche Solidarität wird gesteigert und soziale Folgekosten werden gesenkt (soziale Ziele).

Die besondere Herausforderung besteht darin, diese drei Aspekte gleichwertig und situationsgerecht zu berücksichtigen.

Ich möchte Ihnen Mut machen: Nehmen Sie diese Herausforderung an, leisten Sie in Ihrem Einkauf einen Beitrag zur Nachhaltigkeit.


Dipl.-Ing. Josef Pressler, Präsident des Forum Einkauf, hielt diesen Vortrag am 25. Jänner 2006 anlässlich des Neujahrsempfangs des Forum Einkauf in Wien. Die Veranstaltung stand unter dem Motto: “Wie viel Ethik braucht der Einkauf?”




---


ÖPWZ-
Seminartipps

16.2.12

Das ABC des Vergaberechts, Modul 3 , Wien, Dr. Bernhard Kall

--- 27. - 28.2.12

Professionell disponieren, Wien, Dkfm. Mag. Walter Broschek, Dipl.-Ing. Dipl.-Wirtsch.-Ing. Egon Eicher

--- 28.2.12

Unverzichtbare Informationsquellen für Einkäufer, Wien, Dipl.-Wirtsch.-Ing. Jürgen Simon

--- 1.3.12

Das ABC des Vergaberechts, Modul 4, Wien, Dr. Bernhard Kall









PercentMobile Tracking


Immer informiert über
Neuigkeiten im Magazin

Hinweis
Monatlicher "Einkauf und Management"-
Newsletter kostenlos:

Kindle-Store

Messekalender

 FRUIT LOGISTICA, Berlin
08.02.2012 - 10.02.2012
---  METAV, Düsseldorf
28.02.2012 - 03.03.2012
---  Int. Eisenwarenmesse, Köln
04.03.2012 - 07.03.2012
---  USETEC, Köln
05.03.2012 - 07.03.2012

Buchtipps

Buchcover Leise Menschen, starke Wirkung

Sylvia Löhken

Leise Menschen, starke Wirkung

Die starken Seiten introvertierter Menschen

---
Buchcover Re-imagine!

Tom Peters

Re-imagine!

“Die wichtigste und verantwortungsvollste Aufgabe unserer Zeit ist es, unsere Unternehmen und Institutionen, ob öffentlich oder privat, neu zu erfinden.” Tom Peters hat mit seinem neuesten Werk einen großen Wurf geschafft - inhaltlich und formal ist das Buch auf der ganzen Linie erfrischend, spannend und strotzt nur so von Ideen und Denkanstößen für die “New Economy” - die für Peters mitnichten gescheitert ist.

---

Die Bären-Strategie, Lothar Seiwert

---

Der Verhandlungs-Profi, Martin Dall

---

Zeitgemäße Materialwirtschaft mit Lagerhaltung, Rainer Weber

Aktuelle Umfrage

Wie schätzen Sie das Euro-Risiko für die wirtschaftl. Entwicklung ein?