Wartezeit? ERLEBENSzeit!
[05.05.2004]
Im Stau zu stecken, sich am Check-in allzu langsam vorwärts zu bewegen, in der Schlange vor der Kasse zu stehen - Warten ist uns ein Gräuel. Ob wir uns von A nach B bewegen, ob wir am Computer arbeiten oder ob wir unser Abendessen kochen: die Prozesse müssen beschleunigt werden, wir wollen das Ergebnis sofort - fast, faster, fastest.
Doch: Warum sich ärgern, warum ungeduldig werden, wenn vermeintlich nichts weitergeht? Oft lässt es sich einfach nicht ändern, dass wir warten müssen. Und oft genug ist genau das der Preis dafür, den wir für die Beschleunigung in allen Lebensbereichen bezahlen müssen - minutiös ausgetüftelte Flugpläne werden vom Wetter aus dem Gleichgewicht gebracht, das Betriebssystem unseres Computers “hängt sich auf” und genau dann, wenn wir endlich an der Reihe sind, ist die Papierrolle in der Supermarktkasse zu Ende.
Ungeduld nützt da gar nichts, es ist, wie es ist. Warum also das Thema “Warten” nicht positiv definieren?
Denn: Wartezeit ist manchmal vergeudete Zeit, aber nicht immer. Vor allem dann nicht, wenn wir damit rechnen, dass wir warten müssen. Wenn wir uns darauf vorbereiten und vorsorgen: ein Buch, den CD- oder MP3-Player einpacken, ein Notizbuch mitführen, in dem wir unsere Beobachtungen und Gedanken festhalten.
Wartezeit kann auch geschenkte Zeit sein. Zeit, sich umzusehen, die interessante Architektur des Flughafens zu studieren, das bunte Treiben in der Bahnhofshalle. Zeit, vermeintlich unwichtige Details bewusst wahrzunehmen. Woher kommen die Menschen? Wohin fahren sie? Oder mit jemandem, den man noch nie gesehen hat, ein Gespräch zu beginnen ...
Wartezeit kann auch “Auszeit” sein. Ein paar Minuten, eine Stunde, die uns aus der Hektik des Alltags ausbrechen lässt. Die uns “entschleunigt”, uns dem Jetzt, dem erlebten Augenblick näher bringt, die uns näher zu uns selbst bringt.
So wird die Wartezeit zu einer Zeit des Sehens, des Hörens, des Findens, Erkennens und Lernens. Mithin zu: L e b e n s z e i t.

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