Von der handschriftlichen Notiz zum Word-Dokument
[02.05.2006]
Auf der CeBIT stellte Logitech den weiterentwickelten io2 Digital Pen vor: Eine Kombination aus digitalem Stift, speziellem Papier und Software erlaubt es, handschriftliche Notizen auf dem PC zu archivieren und mittels Handschriftenerkennung sogar automatisch in Office-Dokumente oder E-Mails umzuwandeln. Wir haben geprüft, wie alltagstauglich das System im praktischen Einsatz ist und welchen Nutzen es bringt.
Das Prinzip
Die Technik ist nicht neu: Schon zur Comdex 2001 galt die Anoto-Technologie als de-facto Standard für “digitales Paper”. Dabei wird ein patentiertes, mit dem bloßen Auge kaum erkennbares Muster auf Papier gedruckt um dann wiederum zwecks Positionsbestimmung von einer Kamera aufgenommen zu werden. Diese Kamera befindet sich in dem digitalen Stift, der so Schreibbewegungen als Positionsveränderungen speichert – natürlich nur, wenn Sie das spezielle Anoto-Papier verwenden.
Der Rest ist Software: Stecken Sie den Stift in die USB-Halterung, so werden die neuen Notizen automatisch auf den PC übertragen, zugleich wird der Stift aufgeladen. Der Speicher des Logitech io2 Digital Pen fasst übrigens bis zu 40 Seiten Text.
Auf dem PC können die Notizen dann einfach abgelegt werden (inklusiver aller Zeichnungen, Strichmännchen und Verschreiber, die Sie gemacht haben). Oder Sie lassen eine Erkennungssoftware über die gespeicherten Notizen laufen und die Software erkennt automatisch Ihre Handschrift. Zudem können Sie bereits beim Schreiben Markierungen (ioTags) für die spätere Verarbeitung anbringen, die der Software sagen, was mit den Aufzeichnungen geschehen soll. So lassen sich auf dem Papier E-Mails schreiben, die später automatisch versendet werden. Oder Sie kennzeichnen eine Notiz als Terminvereinbarung, die automatisch mit Ihrem Terminplaner abgeglichen wird, als Todo-Liste oder als Word-Dokument.
Die Praxis
Das alles liest sich nicht schlecht: Zukünftig also einfach bei Besprechungen mit dem io2 Digital Pen mitschreiben und schon sind die Notizen weiterverarbeitbar und beliebig zu vervielfältigen. Auch der Einsatz mit speziellen Formularen könnte seinen Reiz haben … vor allem, wenn sowohl die handschriftlichen Notizen als auch der erkannte Text zur Verfügung stehen. Und die Erfassung von Texten „on the road“, aber ohne lästiges Notebook, ist auch nicht zu verachten. Also haben wir den Stift in der Praxis getestet.
Zunächst fasziniert die Technik: Der Stift nimmt tatsächlich zuverlässig alle Schreibbewegungen (und nur die) auf. Auch die Übertragung der Daten auf den PC klappt reibungslos und die Akkuleistung des Stiftes ist gut.
Doch schon bei dem Training der Handschriftenerkennung (die zudem nur als 30-Tage-Demo beiliegt und danach für rund 40 Euro erworben werden muss) zeigt sich, dass das Stift etwas klobig ist und längeres ermüdungsfreies Schreiben nur bedingt zulässt.
Zudem ist die Schrifterkennung nicht so zuverlässig wie erhofft: Wer eine “Sauklaue” hat, dessen Schrift entziffert auch die Software nur zum Teil. Zwar gibt es immer noch die grafische Repräsentation der Notizen, aber hierin kann man nicht suchen und die Nachbearbeitung der erkannten Texte ist zeitaufwändig. Allerdings lernt die neue Handschriftenerkennungs-Software des Logitech io2 Digital Pen den persönlichen Wortschatz und die individuelle Handschrift des Benutzers, um Notizen möglichst präzise in digitalen Text umzuwandeln ... wer bereits brauchbare Resultate erzielt kann hoffen, diese schrittweise weiter zu verbessern.
Weniger Probleme gibt es, wenn man sich bemüht, möglichst deutlich zu schreiben. Aber darunter leidet die Schreibgeschwindigkeit und immer wieder verfielen die Tester in alte Gewohnheiten ... mit fatalen Ergebnissen für die Erkennungsleistung.
Ärgerlich am Rande: Selbst die Logitech-eigene Beispielnotiz wurde in unserem Fall nicht fehlerfrei erkannt; statt “stecken” erkannte die Software “stechen”. Und auch später hatte das System mit ähnlichen Buchstaben und mit “verschluckten” Wortendungen die meisten Probleme. Wenn dann die Trainingsanleitung für optimale Erkennungsleistung empfiehlt, das große Notizbuch zu verwenden, der Packung aber nur ein kleines A5-Notizbuch beiliegt, zeigt sich, dass Logitech bei der überarbeiteten Version den Lieferumfang, nicht aber die die Anleitung geändert hat. Im Test stolperten wir über mehrere solcher Kleinigkeiten.

Prinzipbedingte Nachteile
Gravierender erwies sich in der Praxis ein anderer Aspekt: Prinzipbedingt funktioniert der Stift nur mit Spezialpapieren, auf denen das Anoto-Muster aufgedruckt ist. Zwar gibt es verschiedene Papiere von Post-Its über Filofax-Einlagen bis zu Notizbüchern in verschieden Formaten bis A4, aber Notizen beispielsweise auf einem herkömmlichen Ausdruck oder Vertrag nimmt der Stift nicht auf. Und es ist eben nicht möglich, sich selbst geeignetes Papier auszudrucken.
Zwar gibt es zertifizierte Druckereien, die beliebige Drucksachen und auch Blanko-Papiere anbieten, ebenso gibt es Software-Lösungen wie Xpaper um darauf beispielsweise Verträge so auszudrucken, dass io2-Notizen auf diesem Vertrag dann in eine PDF-Version des Vertrages übernommen werden können – aber all das hat seinen Preis und steht eben nicht an jeder Straßenecke zur Verfügung.
Tatsächlich ist selbst die Beschaffung der Standardpapiere aufwändig: Zwar gibt es einen Online-Shop für io2-Besitzer, aber sowohl bei vielen Bürobedarfsanbietern als auch im Schreibwarenladen sucht man diese Produkte vergeblich. Während der Teststellung wurde uns zwar zugesagt, uns eine für den Unternehmenseinsatz geeignetere Auswahl von Papieren zur Verfügung zu stellen, aber diese hat uns nicht erreicht und das beiliegende A5-Büchlein war für Sitzungsprotokolle u.ä. eher ungeeignet.
Als größtes Manko aber zeigte sich bei unseren Tests der übliche Arbeitsablauf: Wer viele Notizen macht, ist an seinen Stift, seine Unterlagen und seine Schreib- und Arbeitsweise gewöhnt. Sich derart umzuerziehen dass nunmehr nur noch mit dem io2 auf Spezialpapier in „Schön-„ und nicht Schnellschrift geschrieben wird ... und dann auch noch die Zeit und Disziplin aufzubringen, die Texte nachzubearbeiten und so die lernfähige Schrifterkennung zu trainieren ist wenig realistisch.
Fazit
Während der io2 Digital Pen von Logitech einen hohen Reizfaktor besitzt und für die gelegentliche Anwendung durchaus geeignet erscheint, ist er für den Alltagseinsatz im Außendienst nur bedingt geeignet. Zwar sind Szenarien vorstellbar, bei denen mittels speziell entwickelter Software-Lösungen und individuell erstellter Anoto-Formulare Effizienzgewinne erzielt werden können – aber dazu gehört dann weit mehr als nur ein io2 Pen samt mitgelieferter Software.
Der io2 Digital Pen ist ab Mai 2006 zum empfohlenen Einzelhandelspreis von 129,99 € in Österreich erhältlich.

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