Supply Chains in einer sich verändernden Welt I

[07.10.2005]

Bild WaggonRisikomanagement in der Lieferkette
Kurzfassung einer Studie von A.T. Kearney, Teil I

Just-in-Time-Lieferung, Global Sourcing, verkaufsorientierte Lagerhaltung: Diese Konzepte ermöglichen signifikante Verbesserungen in der Effizienz der Supply Chains - aber sie führen in den Unternehmen auch zu hoher Verletzbarkeit in einem Umfeld mit steigendem Risiko.

Eine technische Panne kann zu einer Unterbrechung der Wirtschaftstätigkeiten führen. Doch dass dies auch eine Krankheit kann, zeigte sich, als SARS im südlichen China ausbrach - wo viele Elektronik- und Hardwarebetriebe angesiedelt sind. Bald wurde klar, dass die Ausdehnung von SARS unerwartete Auswirkungen auf die Glieder der globalen Lieferkette haben würde.

Die Unternehmen haben im letzten Jahrzehnt enorme Fortschritte in der Effektivität erzielt. Durch bessere Lagerwirtschaft, das Outsourcing von Aufgaben außerhalb des Kerngeschäfts, die Reduktion der Anzahl der Lieferanten und einen globalen Einkauf wurden viele Bereiche schlank und effizient. Die Verlagerung auf Just-in-Time-Liefersysteme in der automotiven Industrie hat den Unternehmen in den USA nach vorliegenden Schätzungen Lagerhaltungskosten von über 1 Milliarde US-Dollar eingespart. Doch während die Kosten gesunken sind, haben leider die Risiken zugenommen.

Die tragischen Ereignisse des 11. September 2001 waren ein Weckruf für viele Unternehmen, die sich bis dahin zu wenige Gedanken über das Ausmaß von Risiken gemacht hatten. Tatsächlich waren die Tage nach dem 11. September nicht risikoreicher als jene davor. Der Unterschied lag im Erkennen und in der akuten Betroffenheit. In der Folge haben viele Unternehmen große Fortschritte in der Gefahrenerkennung und bei der Einführung erhöhter Sicherheit gemacht. Supply Chains sind jedoch für eine stabile Welt geschaffen. Und wenige haben sich einen strategischen Überblick über die operationalen Risken verschafft, die sich im globalen Geschäft verbergen.

Risiken von Just-in-Time-Systemen

Da manche Produzenten ihre Lager auf annähernd Null herabgesetzt haben, können Unterbrechungen einen Betrieb ruinieren. So hat die Schließung von Häfen an der Westküste der USA für vier Tage die Firma New United Motor Factoring (ein Joint Venture von Toyota und GM) gezwungen, ihre Lkw-Fabrik in Freemont zu schließen, da keine Teile mehr geliefert wurden.

Risiken des Global Sourcing

Global Sourcing bringt längere Lieferzeiten, steigende Unverlässlichkeit und eine Erhöhung des Sicherheitsrisikos. Lieferanten in Entwicklungsländern sind häufig die kostengünstigsten Produzenten, doch ihre Produkte werden über bis zu elf Mittelsmänner exportiert, was das Risiko einer Unterbrechung enorm erhöht.

Risiken des Outsourcing

Der Trend zum Outsourcing der nicht zum Kerngeschäft zählenden Aktivitäten hat keinen Teil der Wertschöpfungskette ungeschoren gelassen, von der Auftragsabwicklung über die Produktion bis zur Distribution. So wie Outsourcing im großen Umfang Kosten reduzieren und den Servicebereich verbessern kann, können die mit der Übernahme kritischer Tätigkeiten außerhalb der Unternehmung verbundenen Risiken - auch mit der Anzahl zwischengeschalteter Schritte - steigen.

Risiken der Konsolidierung

Um eine entsprechende Effizienz zu erzielen, konzentrieren sich die Unternehmen sowohl auf interne wie externe Liefermöglichkeiten. Sie konsolidieren die Produktionsstandorte, um Gewinn aus den verschiedenen Kostenstrukturen und durch Schaffung von Lieferantenpartnerschaften zu erzielen. Obwohl diese Konsolidierung viele Vorteile bringt, birgt sie ein erhöhtes Gefahrenpotenzial für eine Unternehmung.

Risk Management als strategische Funktion

Viele Unternehmen haben durch Umsetzung dieser und ähnlicher Strategien eine bessere Wertschöpfung erzielt. Allerdings haben die meisten Unternehmen dies unter der Annahme einer relativ stabilen, vorhersehbaren Entwicklung des Weltgeschehens getan.

Doch erhöht sich für Firmen, die zunehmend vom komplexen Netzwerk globaler Lieferanten und Partner abhängen, das Risiko enorm, wenn ein entscheidendes Mitglied des Netzwerks – und sei es nur vorübergehend – ausfällt. Das Ergebnis: Die Unternehmen haben bei dieser Vorgangsweise die schwierige Aufgabe, die damit verbundenen Vorteile und Risiken gegeneinander abzuwägen. Durch diese Notwendigkeit wurde Risk Management zu einer wichtigen strategischen Funktion.

Bedrohungen für die Supply Chains von heute

Die Supply Chains sind von Risiken in verschiedener Form bedroht. Einige Beispiele:

Naturkatastrophen

Das Erdbeben in Taiwan im Jahr 1999 zerstörte die Energieversorgung der Semiconductor-Fabriken, die mehr als 50 % der weltweiten Versorgung mit Memory Chips, Circuit Boards, Flat-Panel-Displays und anderen Computerkomponenten abwickeln. Die Analysten schätzen, dass durch das Erdbeben die Hardwareproduzenten wie HP, Dell, Apple, IBM, Gateway und Compaq 5 % ihres Ertrags einbüßten.

Politische Probleme

Die Gegner des venezolanischen Präsidenten Chavez begannen im Dezember 2002 einen Generalstreik. Die Wirtschaft stand still. Die Regierung blockierte Zahlungen in Auslandswährung. Die multinationalen Gesellschaften Ford, General Motors, Bridgestone/Firestone, Goodyear und Procter & Gamble waren gezwungen, während der Dauer des Streiks ihre Aktivitäten einzustellen. In einem Fall entsandte Präsident Chavez die Nationalgarde, um eine Fabrik, die einem Coca-Cola-Produzenten gehörte, zu besetzen und die Getränke über Lkw-Versand auszuliefern.

Wirtschaftliche Probleme

Im September 2002 haben in einem Arbeitskampf die Hafenarbeiter an der US-Westküste elf Tage die Arbeit behindert; dies führte zur Schließung von 29 Häfen. In diesen Häfen wird jährlich ein Wert von mehr als 300 Milliarden Dollar verladen. Der Streik verursachte einen Schaden von geschätzten 11 bis 22 Milliarden Dollar durch verlorenes Verkaufsvolumen, zusätzliche Kosten für Luftfracht, Verlust verderblicher Waren und nicht ausgenützte Kapazitäten.

Unfälle

Am 14. Dezember 2002 versank ein Schiff beladen mit 3.000 für die USA bestimmte Fahrzeuge von BMW, Saab und Volvo nach einer Kollision mit einem anderen Schiff im Ärmelkanal.

Aktivitäten von Protestbewegungen

Viele Weltmarken wurden zum bevorzugten Ziel von Protesten und Sozialaktivisten. Mit der Zunahme der Spannungen im Mittleren Osten wurden in den Jahren 2002 und 2003 zwei McDonalds-Restaurants in Saudi Arabien Ziele von Brandbombenattentaten. Als Alternative zu den amerikanischen Marken wurden “Protestmarken” geschaffen, wie Mecca Cola, Muslim Up und Arab Cola.

Angriffe auf die IT-Infrastruktur

Im Jänner 2003 hat ein Computerwurm - SQL Slammer oder Saphir genannt - binnen zehn Minuten Hunderttausende von Computern befallen. Auf dem Höhepunkt der Attacke war ein so großes Volumen erreicht, dass die Hälfte der über Internet übertragenen Daten ihren Bestimmungsort nicht erreichen konnten. Obwohl der Computerwurm nicht auf Zerstörung der Daten ausgerichtet war, verursachte er einen Schaden von fast 1 Milliarde Dollar nur durch Überlastung der Netze.

Die Anzahl der Unglücksfälle und ihre Auswirkungen nehmen ständig zu. Nach einer Veröffentlichung der Münchner Rück hat die Häufigkeit von Naturkatastrophen seit 1960 um den Faktor 3, ihre Kosten aber haben um den Faktor 10 zugenommen.Die von Menschen hervorgerufenen Unglücksfälle - wie Militärkonflikte und Terrorattacken, bis zu Computerviren - nehmen ebenfalls zu.

Welche Maßnahmen das Risikomanagement von Supply Chains treffen kann, lesen Sie im zweiten Teil der Zusammenfassung einer Studie von A. T. Kearney in der nächsten Ausgabe (Nov. 05).

Die Autoren:
Sean Monahan, Vice President A. T. Kearney’s Operations Practice
Paul Laudician, Vice President A. T. Kearney’s Global Business Policy Council
David Attis, Consultant A. T. Kearney’s Global Business Policy Council

[Übersetzung zur Verfügung gestellt von ERPS]




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