Schifffahrtsbranche unterschätzt Piraten-Gefahr
[09.02.2011]
Die Gefahr von Schiffsentführungen nimmt weiter zu, doch Reedereien mangelt es an präventiven Maßnahmen.
Übergriffe durch Piraten geschehen oft weit entfernt vom Heimathafen. Dies könnte ein Grund sein, weshalb Reedereien auf das Thema oft nicht genügend vorbereitet sind. Der weltweit führende Versicherungsmakler Aon sieht eine “große Sorglosigkeit” beim Umgang mit dem Problem der Piraterie. “Die Piraten sind im Laufe der Jahre aggressiver geworden und halten Crew-Mitglieder mittlerweile auch über Monate gefangen, um Lösegeldzahlungen zu erpressen”, erklärt Anne Deiter, Expertin für Piraterie, Entführungen und Erpressungen von Aon Deutschland, auf Nachfrage von pressetext.
“Oft wird im Falle einer Schiffsentführung als erstes nach dem Militär gerufen. Dabei ist es unerlässlich, im Vorfeld präventive Maßnahmen zum Schutz vor Schiffsentführungen zu ergreifen”, so Deiter. Vor allem der jüngste Entführungsfall des Bremer Frachter MS “Beluga Nomination” nördlich der Seychellen zeigt erneut, dass die Reedereien Nachholbedarf bei ihrer Krisenprävention haben. Laut Aussage der Reederei befinde sich die Besatzung in akuter Gefahr.
Stacheldraht an der Reling
Um eine Schiffsentführung zu verhindern, empfiehlt Deiter eine Beratung durch spezialisierte Krisenberatungsunternehmen. “Diese Spezialisten erarbeiten zusammen mit dem Kunden ein Präventionskonzept. Es wird genau auf das Schiff und dessen Route zugeschnitten. Das Konzept beinhaltet Sicherheitsmaßnahmen für Schiff und Crew, damit es nicht zu einer Kaperung kommt und einen Krisenplan für den Fall, dass doch eine Übernahme des Schiffes durch Piraten erfolgt”, so die Aon-Expertin.
Häufige Sicherheitsmaßnahmen in Krisengebieten seien, die Bordwände des Schiffes mit Schmierfett zu bestreichen oder Stacheldraht an der Reling zu spannen. Die vorherige Erstellung eines Krisenplans sei wichtig. Denn im Ernstfall einer Schiffsentführung bestehe selten die Möglichkeit, in Ruhe und mit kühlem Kopf zu reagieren. “In einem solchen Plan werden die Mitglieder eines Krisenstabes benannt sowie deren Zuständigkeiten klar geregelt. Wer zum Beispiel die Entscheidungsbefugnis für eine Lösegeldzahlung hat, welche Stellen zu involvieren sind oder wer befugt ist, den Vorgang nach innen und außen zu kommunizieren”, zählt Deiter auf.
Hauptursache Armut
“Schiffsentführungen gegen Lösegeld und Erpressungen sind in vielen Meeresabschnitten der Welt eine Bedrohung. Ein Schwerpunkt liegt in dem Seegebiet rund um das Horn von Afrika. Der Trend ist besorgniserregend.” Die Aon-Expertin verweist dabei auf Zahlen des International Marine Bureau (IMB) in Kuala Lumpur, das für Kriminalität auf See zuständig ist. Danach hat es 2010 insgesamt 445 Angriffe auf Schiffe gegeben, zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Insgesamt 53 Schiffe sind gekidnappt worden.
Nach IMB-Angaben ist auch die Zahl der Geiseln gestiegen - von 188 Crewmitgliedern im Jahr 2006 auf die Rekordzahl von 1.181 entführten Crewmitgliedern im vergangenen Jahr. “Hauptursache für die Piraterie ist Armut. Solange die wirtschaftliche Lage für die Menschen in Ländern wie Somalia sich nicht verbessert, wird das Problem der Piraterie bestehen bleiben”, resümiert Deiter.
(Quelle: pte)

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