MEHR ÜBER...
Nachlese: Neujahrsempfang des Forum Einkauf 2007
[19.02.2007]
“Werte versus Wachstum? Der Einkauf im Spannungsfeld zwischen Nachhaltigkeit und Gewinnmaximierung”, so lautete das Motto des diesjährigen Neujahrsempfangs, zu dem das Forum Einkauf im ÖPWZ und seine Kooperationspartner am 22. Jänner 2007 in den Reitersaal der Österreichischen Kontrollbank in Wien geladen hatten.
Dr. Johannes Kleemann, Präsident des ÖPWZ, wies in seiner Begrüßung auf die spezielle Situation des Einkaufs hin: Im Spannungsfeld zwischen lang- und kurzfristigen Geschäftsbeziehungen gehe es um Fakten, aber auch um nachhaltige Erhöhung der Produktivität, um Verlässlichkeit und Termintreue. Gewinnmaximierung sei von zu vielen Schattenseiten gekennzeichnet, lieber spreche er von Gewinnoptimierung im Rahmen partnerschaftlicher Beziehungen.
Oliver Altstadt, als Partner von BraiNet Management Consultants GmbH, Bonn, einer der Gastgeber dieses Abends, hakte in seiner Begrüßung beim Begriff “Werte” ein: Er spreche lieber von Prinzipien, denn Werte seien vergänglich; und Wert hätte nur, was eine große Masse als wertig ansähe. Prinzipien aber hätte man für sich allein. Und daher gelte es jedesmal, wenn der Begriff “Werte” fällt, zu hinterfragen: Worum geht es eigentlich? Geht es um Werte oder um Prinzipien?
Prok. Dipl.-Ing. Josef Pressler, Vorsitzender des Forum Einkauf, Bereichsleiter Beschaffung des VERBUND, hatte sich zur Vorbereitung seines Impulsreferats aus aktuellem Anlass die Regierungserklärung der neuen österreichischen Bundesregierung durchgelesen und nach Schlüsselwörtern gesucht: So käme “Nachhaltigkeit” 10 Mal vor, “Wachstum” 31 Mal, “Klima” 17 Mal. Eine verwirrende Begriffsflut, aus der oft nur schwer herauszulesen sei, was damit eigentlich gemeint sei. Doch es gab auch einige konkrete Punkte: So werde in der Regierungserklärung davon gesprochen, in der öffentlichen Beschaffung vermehrt nach ökologischen Gesichtspunkten vorzugehen, die Bewusstseinsbildung durch “nachhaltige Wochen” zu stärken und für Großveranstaltungen wie die EM 2008 ein Nachhaltigkeitskonzept zu entwickeln. Es werde sich zeigen, was davon umgesetzt wird und was sich hinter diesen Begrifflichkeiten wirklich verbirgt, gehe es doch um eine ganzheitliche Betrachtung von Nachhaltigkeit und Ethik unter Berücksichtigung der drei Säulen Ökologie, Ökonomie und Soziales.
Nach der Begrüßung durch Bibiane Sibera, Generalsekretär Forum Einkauf, ergriff Dr. Georg Strzyzowski, Journalist beim Österreichischen Wirtschaftsverlag, als Moderator der nun folgenden Podiumsdiskussion das Wort. Nach einem kurzen Einleitungsstatement stellte er die Diskutanten am Podium vor und leitete damit auch die erste Runde der Dikussionsbeiträge ein:
Waltraud Engl, Leiterin Einkauf, Modine Austria GmbH, Berndorf, ist nicht nur als Mitarbeitern einer Automobilzulieferers an den Themen Nachhaltigkeit und Werte interessiert, sondern beschäftigt sich auch persönlich mit diesen Fragen. Für sie geht es darum, bei allem, was man tut, die Folgen zu berücksichtigen und vom kurzfristigen Denken zu einer langfristigen Sichtweise zu finden.
Für Prof. Dr. Helga D. Kromp-Kolb, Leiterin des Instituts für Meteorologie an der Universität für Bodenkultur in Wien, Wissenschaftlerin des Jahres 2005, sind Nachhaltigkeit und Klimaschutz Themen, die sie auch im öffentlichen Bewusstsein mehr und mehr zu verankern versucht. Sie besteht darauf, dass man zum Handeln finden und aktiv werden muss, um eine Veränderung zu bewirken. Es reiche nicht, wissenschaftliche Studien in Fachkreisen zu publizieren.
Der Consultant Oliver Altstadt hat in seinem Beratungsalltag immer wieder mit der Frage der Kostenoptimierung zu tun - und mit dem Spagat zwischen Kosten, Ethik, Werten und Prinzipien. In der Dreieckskonstellation Klient, eigene Gewinne und eigenes Wachstum und Verhandlung mit Lieferanten könne es daher nicht darum gehen, Werte versus Wachstum zu setzen, sondern nur darum, Werte und Wachstum zu denken.
Hier setzt auch Mag. Hannes Hofer, Geschäftsführer Bundesbeschaffung GmbH, Wien, an: Die Bundesbeschaffungsgesellschaft ist aus der Frage heraus entstanden, wie die Beschaffung des Bundes effizienter gestaltet werden kann, und beschäftigt sich seit fünf Jahren mit dieser Aufgabe. Bei der es nicht darum geht, den Billigstbieter zu identifizieren, sondern alle Aspekte ökologischer, ökonomischer und sozialer Art zu berücksichtigen.
In verschiedenen Rollen sieht sich Dr. Christian Th. Jirik, Landesleitung VÖWA e.V., Wien, denn als Consultant mit betriebswirtschaftlichem und volkswirtschaftlichem Hintergrund sind die Widersprüche in der Werte- und Nachhaltigkeitsdiskussion für ihn klar erkennbar, dazu kommt aber noch der menschliche Faktor der Ungläubigkeit: Predigen helfe oft nichts, die Menschen glauben es erst, wenn es ihnen schlecht geht ... doch viele Kunden verstehen bereits, dass man Ökologie und Ökonomie verbinden kann.
Ein Unternehmen, das sich seit den Neunzigerjahren mit ökologischen Fragestellungen auseinandersetzt, ist Wiesner-Hager. Dipl.-Ing. Markus Wiesner, Geschäftsführer der Wiesner-Hager Möbel GmbH, Altheim, berichtet von den Erfahrungen des Unternehmens mit Ökobilanz und dem entsprechendem Bewusstsein, wonach sich Öko-Investitionen auch betriebswirtschaftlich rechnen und man auf dem Weg zum “cleanen” Unternehmen sei. Was sich nicht zuletzt auf die Motivation der Mitarbeiter und die Qualität der Produkte auswirke.
Wie definiert man Wachstum? Von dieser Frage, die sich, so Dr. Jirik, nicht eindeutig beantworten lasse, weil Wachstum für jeden etwas anderes bedeute, geht die Diskussion rasch zur Frage über: Kann Wachstum in einem geschlossenen System überhaupt funktionieren? Sowohl ökologisch als auch ökonomisch - die Systeme sind begrenzt. Zu viel Wachstum lässt die Systeme zusammenbrechen, Ökosysteme kollabieren, und Wachstum im Wirtschaftssystem bedeutet, dem Wettbewerb Marktanteile wegzunehmen. Eine ganzheitliche Betrachtung tut also Not, denn hier sind Werte betroffen, die eine Gesellschaft für sich und ihre Mitglieder definiert. Wobei, so Mag. Hofer, Bundesbeschaffung GmbH, hier auch politische Zusammenhänge zu beachten sind. Wachstum bedeutet z. B. auch, dass in China die Armut halbiert wurde, und in den Ländern Afrikas wird es Wachstum brauchen, um die Situation der Menschen zu verbessern.
Mit einem plastischen Bild stellt Waltraud Engl ihren Begriff von Ethik dar. Ein Strudelteig gelinge nur, wenn man ihn von allen Seiten gleichmäßig auszieht. In der täglichen Praxis bedeutet es, dass man sich Gedanken machen muss, was man tut. Sich an Gesetze zu halten, ist selbstverständlich, aber darüber hinaus braucht es auch Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken. Daher werden Lieferanten ausgewählt, die umweltzertifiziert sind, und diskutiert man mit Lieferanten und Kollegen über Grundsätze der Nachhaltigkeit und der Ethik. Für Dr. Jirik hat Ethik viel mit Corporate Governance zu tun - und mit den 10 Geboten, denn wer sich an diese halte, erfülle die Prinzipien der Corporate Governance. Womit auch der Kreis zu den Werten wieder geschlossen wurde: Werte haben immer auch mit Tradition zu tun, mit Bewahren, und speziell Familienunternehmen seien hier stark. Börsennotierte Unternehmen wiederum würden eher auf Kosten und Einsparungspotenziale schauen, Werte im Zusammenhang mit den genannten Säulen Ökologie und Soziales hätten hier weniger Einfluss.
Die Statements auf dem Podium lieferten ein buntes Bild von Meinungen zu Wachstum versus Werte, die Diskussionsbeiträge zeigten, wie schwierig es ist, die Begrifflichkeiten zu generalisieren, dass aber viele Unternehmen, Institutionen und Organisationen sich bereits sehr intensiv und auch mit greifbaren Erfolgen im Spannungsfeld von Wachstum und Werten bewegen und das Bewusstsein von Kunden, Lieferanten, Mitarbeitern und der Öffentlichkeit sich seit den Neunzigerjahren hier schon sehr stark zum Positiven verändert hat. In der anschließenden kurzen Publikumsrunde wurde ein wesentlicher Aspekt angesprochen, der in einer Werte-, Wachstums- und Ethikdiskussion nicht fehlen darf: die Rüstungsindustrie als treibende Kraft innerhalb der Weltwirtschaft. Weiters die Frage, wie ernst die Lage wirklich ist, hat doch der Club of Rome seine Aussagen im Zusammenhang mit den Grenzen des Wachstums auch teilweise revidieren müssen. Interessante Beiträge, die in diesem Rahmen natürlich nicht erschöpfend diskutiert werden konnten, die aber wertvolle Ergänzungen und Denkanstöße boten.
Deutlich wurde an diesem Abend eines: Alle angesprochenen Themen gehen weit über das hinaus, was in Unternehmen tagtäglich zu entscheiden und umzusetzen ist. Die Menschen jenseits der Rollenzuschreibungen und Jobprofile sind gefordert, diese Fragen auch in ihrem persönlichen Umfeld für sich zu beantworten. Dieser Abend zeigte viele Aspekte und Sichtweisen, und er zeigte, dass trotz unterschiedlicher Zugangs- und Denkweisen das Wesentliche mehr und mehr in den Mittelpunkt rückt: der Schutz der Ressourcen der Erde, die Achtung der Würde des Menschen und das Bestreben, gemeinsam an positiven Veränderungen zu arbeiten. Ein gelungener Auftakt für ein erfolgreiches Geschäftsjahr.

ÖPWZ-Seminartipps
ÖPWZ-Einkäufer-Akademie (Aufbaukurs), Bad Ischl, Referenten-Team
13.-14. September 2010So führen Sie Einkaufsverhandlungen konsequent zum Erfolg, Wien, Herbert Graf
16. September 2010RFID im Praxiseinsatz, Graz, Dipl.-Ing. Alexander Gauby
Geschenktipps
Aus unserem Archiv
Messekalender
IFA, Berlin03.09.2010 - 08.09.2010
MOTEK, Stuttgart13.09.2010 - 16.09.2010
IAA Nutzfahrzeuge, Hannover23.09.2010 - 30.09.2010
IAA Nutzfahrzeuge, Hannover23.09.2010 - 30.09.2010
ergänzende Infos + weitere Termine...
Buchtipps

Peter Drucker
Peter Drucker ist der größte Managementvordenker aller Zeiten und seine Lehren sind gültig wie nie.


Günter Hirschsteiner
Jeder Einkäufer muss vor allem eins können: gut verhandeln. Nicht umsonst sind Seminare zu diesem Thema echte “Dauerbrenner”. Dieser Band zeigt, welche Strategien und Techniken bessere Verhandlungsergebnisse erzielen und wie man unfaire Manipulationen der Gegenseite abwehrt. Richtig verhandeln ist eine Kunst - aber man kann sie lernen: Von der Vorbereitung über die Durchführung bis zur Erfolgskontrolle wird hier alles beschrieben.

Wie verkaufe ich dem Gast mehr?, Gerhard Schoolmann, Markus Stolpmann

Praxishandbuch Werbeartikel, Michael Nebert

Ich bin dann mal weg, Hape Kerkeling
mehr Buchtipps...
