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Meeresautobahnen: Europas Straßen entlasten
[05.03.2006]
Die EU-Kommission hat im Jahr 2001 in ihrem Weißbuch zur Europäischen Verkehrspolitik bis 2010 die Einrichtung von so genannten “Motorways of the Sea” (“Meeresautobahnen”) empfohlen. Damit sind transnationale Seeverkehrsverbindungen gemeint, die als Teil intermodaler Transportketten eine hohe Frequenz haben und große Transportaufkommen abwickeln - wie herkömmliche Autobahnen. Wir stellen das Konzept vor, das auch ein verkehrspolitisches Schwerpunktthema der österreichischen EU-Präsidentschaft darstellt…
Große Abschnitte des transeuropäischen Straßennetzes sind bereits überlastet, sodass Maßnahmen erforderlich werden, die den drohenden Kollaps des Straßengüterverkehrssystems abzuwenden vermögen. Für die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Verlader und Spediteure ist ein kosteneffizientes und zuverlässiges Verkehrssystem von besonderer Bedeutung.
“Es geht um mehr Effizienz, aber auch um die Entlastung der Straße. Bis zum Jahr 2015 wird allein für den Straßengüterverkehr ein Zuwachs von 60 Prozent prognostiziert. Damit ist klar: Wir müssen die Lasten auf alle Verkehrsträger verteilen. Der sichere und umweltfreundliche Wasserweg bietet für die verladende Wirtschaft eine echte Alternative”, so Staatssekretär Kukacka anlässlich einer EU-Konferenz zu “Motorways of the Sea” im slowenischen Ljubljana.
Die zentrale Idee: Die Güterströme sollen auf bestimmte Meeresstrecken mit regelmäßigen Hochleistungsfährverbindungen, so genannte Meeresautobahnen, konzentriert werden. Dadurch können die Beförderungsdauer verkürzt und Transportkosten gesenkt werden, was seegestützte Logistikketten attraktiver macht. Für den europäischen Hinterlandverkehr von Seecontainern zu und von den Seehäfen, stellen zudem die Binnenschifffahrt und Schiene wichtige Bindeglieder in einer umweltfreundlichen Haus-zu-Haus Logistikkette dar.
Das Konzept der Meeresautobahnen verfolgt somit drei Hauptziele:
Damit sorgen Meeresautobahnen für einen leistungsfähigeren, kostengünstigeren und umweltschonenderen Güterverkehr, verringern die Staugefahr an wichtigen Nadelöhren in ganz Europa, bieten bessere, zuverlässigere Verbindungen für Randregionen und tragen zur Stärkung und zu größerer Nachhaltigkeit der europäischen Wirtschaft bei.
- Konzentration des Güterstroms auf seegestützte Logistikketten und Verbesserung bestehender oder Schaffung neuer tragfähiger, regelmäßiger und häufiger Verbindungen im Frachtverkehr zwischen den Mitgliedstaaten
- verstärkte logistische Integration des Kurzstreckenseeverkehrs in die gesamte Transportkette
- Entlastung der Straßen und/oder Verbesserung von Anbindungen (z.B. der Randstaaten der EU)
Ausgangssituation
Da der Güterverkehr in Europa von Jahr zu Jahr wächst, nimmt auch die Belastung der Verkehrsinfrastruktur – und hier vor allem der Straßen – ständig zu. Hält die derzeitige Entwicklung an, wird für den Inlandsgüterverkehr in der EU-15 bis zum Jahr 2020 ein Wachstum von 70 % erwartet. In den neuen Mitgliedstaaten wird der Zuwachs mit bis zu 95 % in demselben Zeitraum noch stärker ausfallen. Derartige Steigerungen kann das bestehende Verkehrssystem unmöglich auffangen. Aus diesem Grund ist es unerlässlich, flexiblere Verkehrsalternativen zu entwickeln, um für die europäische Wirtschaft schädliche Engpässe zu vermeiden. Eine Lösungsmöglichkeit bietet der intermodale Verkehr, bei dem verschiedene Beförderungsarten für einzelne Fahrten so kombiniert werden, dass die vorhandene Infrastruktur mit geringeren Gesamtkosten für die Gesellschaft besser genutzt wird.
Dabei wird das Meer viel zu wenig für die Beförderung von Personen und Gütern genutzt. Der Transport zu Wasser stellt nicht nur eine wirkungsvolle Alternative zur Umgehung natürlicher Hindernisse wie die Alpen und die Pyrenäen bei Fahrten zwischen Italien und Spanien dar, sondern bietet auch kürzere und schnellere Verbindungen zu den entlegeneren Regionen Europas.
Meeresautobahnen sind Hauptseewege zwischen den EU-Mitgliedstaaten. Sie ermöglichen eine fahrplanmäßige, zuverlässige Beförderung und stellen im Zusammenwirken mit anderen Verkehrswegen eine effiziente Alternative zum reinen Straßenverkehr dar. Der Ausbau der Meeresautobahnen wird von der EU gegenwärtig im Rahmen der transeuropäischen Verkehrsnetze (TEN-V) in vier wichtigen küstennahen Gebieten gefördert, nämlich in der Ostsee, Westeuropa (Atlantischer Ozean – Nordsee/Irische See), Südwesteuropa (westliches Mittelmeer) und Südosteuropa (Adriatisches Meer, Ionisches Meer und östliches Mittelmeer).
Integration der Verkehrsträger
Mit Hilfe von Meeresautobahnen lassen sich die Beförderungskapazitäten in Europa besser nutzen. Der Kurzstreckenverkehr ist auf den europäischen Seewegen bereits eine feste Größe, und das Transportvolumen nimmt kräftig zu. In den letzten Jahren ist der Kurzstrecken-Seeverkehr genauso stark gewachsen wie der Straßenverkehr (25 % von 1995 bis 2002).Auf ihn entfallen rund 41 % der Tonnenkilometer in der EU, auf die Straße rund 45 %.
Trotz der identischen Zuwachsraten gibt es im Kurzstrecken-Seeverkehr aber keine Engpässe wie im Straßenverkehr. Auf längeren Fahrten innerhalb der EU stellen Bahn, Binnenschifffahrt und Küstenverkehr häufig effektivere Alternativen dar. Sie verbrauchen weniger Treibstoff, benötigen weniger Personal und sind frei von Staus. Aus Untersuchungen über den Ausbau der Meeresautobahnen geht hervor, dass die Schifffahrt auf vielen Strecken zeitlich und preislich mit dem Straßenverkehr konkurrieren kann. Beispielsweise könnte man entlang der Atlantikküste eine Meeresautobahn einrichten, die parallel zu vorhandenen Autobahnen verläuft. Dadurch hätte man eine attraktive Alternative, die zur bevorzugten Route für den Güterverkehr werden könnte.
Beispiel Irische Überfahrt
Der Seeweg von Spanien bzw. Portugal nach Irland ist 600 bis 1 200 km kürzer als die Straßenverbindung für Lkw über Frankreich und Großbritannien. Damit die beförderten Güter ihren Empfänger jedoch schneller als über die Straße erreichen, bedarf es eines regelmäßigen Schiffsverkehrs. Besonders wichtig ist dies für leicht verderbliche Ware wie Obst und Gemüse, für die jedes Jahr rund 60 000 Lkw-Fahrten vom Süden Spaniens nach Irland und Großbritannien anfallen. Diese Ware darf nicht einmal einen Tag im Hafen auf das nächste Schiff warten. Deshalb zielt die Errichtung von Meeresautobahnen darauf ab, Beförderungsleistungen mit einer Regelmäßigkeit zu erbringen, die eine brauchbare Alternative zum Straßenverkehr darstellt.
Kritische Masse
Eine massive Verlagerung von der Straße auf Meeresautobahnen lässt sich allerdings nur herbeiführen, wenn die Güterströme auf diesen Seewegen konzentriert werden. Als Aushängeschild eines ganzheitlichen Kurzstrecken-Seeverkehrs werden sie fahrplanmäßige und hochwertige Haus-zu-Haus- Dienste mit integrierten Anschlussverbindungen an Ziel- und Bestimmungsort bieten.
Dieses neuartige Konzept bedarf einer neuen Betrachtung der Verkehrsplanung, einer weit reichenden Zusammenarbeit der öffentlichen Hand und der Privatwirtschaft nicht nur unter Häfen und Reedereien, sondern auch unter Landspediteuren, Sammelspediteuren und Logistikunternehmen. Es muss ein Sinneswandel herbeigeführt werden, nach dem jeder Einzelne die Logistikkette – von den Fertigungsstätten bis zum Endverbraucher – als Ganzes betrachtet.
Damit die für einen erfolgreichen Betrieb erforderlichen Größenordnungen erreicht werden, bedarf es einer Konzentration auf wenige Strecken und eines schnellen Beförderungstaktes. Je mehr Verkehr auf die Meeresautobahnen gelenkt wird, desto höher ist die Frequenz und somit auch die Flexibilität der Nutzer.
Beispiel Ostsee
Im Ostseeraum gibt es bereits viele Strecken für den küstennahen Schiffsverkehr. Sie sollen Dreh- und Angelpunkt ganzheitlicher Verkehrskorridore sowohl für den Handel innerhalb des Ostseeraums als auch darüber hinaus werden.
Ziel ist eine integrierte Infrastruktur für den See- und Landverkehr, mit deren Hilfe sich die hohen Transportkosten für die Versorgung der Region senken und die Küstenländer besser untereinander und mit den zentral gelegenen Gebieten der EU verbinden lassen. Dabei ist es wichtig, dass die Randgebiete ganzjährig erreichbar sind; aus diesem Grund werden die Partner prüfen, inwieweit die Seeverbindungen mit Hilfe von Eisbrechern schiffbar gehalten werden können. Im Rahmen des Vorhabens wird unter anderem dafür Sorge getragen, dass die strengsten Unfallverhütungsmaßstäbe zur Anwendung kommen und ein strikter Umweltschutz gewährleistet ist.
Aus einer für die Europäische Kommission durchgeführten Berechnung, die sich auf die Wirtschaftsdaten von 2003 stützt, kann geschlossen werden, dass Verkehrsverbindungen zwischen Häfen in Norddeutschland oder Südostdänemark mit den baltischen Staaten insbesondere durch eine Verlagerung von der Straße ein Handelsvolumen von jährlich über 2 Mio. t in östlicher Richtung und von mehr als 11 Mio. t in westlicher Richtung anziehen könnten.
Zusammenfassung
Beim Konzept der Meeresautobahnen geht es im Kern darum, die Grenzen zwischen den Beförderungsarten zu überschreiten und die bestehenden Transportmöglichkeiten besser zu organisieren und zu nutzen. Es kann eine echte Alternative darstellen, weil es die Straßen entlasten und den Zusammenhalt in der Europäischen Union verbessern hilft. Sein Erfolg hängt im Grunde nicht von massiven Investitionen ab, sondern davon, dass sich die unterschiedlichen Beteiligten aufrichtig um eine Zusammenarbeit bemühen. Ziel ist ein umfassendes und betriebsbereites Netz aus Meeresautobahnen bis zum Jahr 2010.
Das Konzept der Meeresautobahnen wird im Rahmen von Plänen, die eine hochrangige Arbeitsgruppe im Dezember 2005 bekannt gab, auf die Nachbarstaaten der EU ausgedehnt. So sollen die vier Korridore mit dem Schwarzen Meer und möglicherweise auch mit dem Suezkanal verbunden werden.
Weitere Informationen
Internetseiten der Generaldirektion Energie und Verkehr der EU

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