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FAIRTRADE: Fairer Handel und soziale Verantwortung
[02.05.2006]
Im Rahmen der Corporate Social Responsibility (CSR) beschäftigen sich immer mehr Unternehmen auch mit fairem Handel. Dabei stößt man rasch auf das FAIRTRADE Gütesiegel. Wir sprachen mit Mag. Veronika Polster von FAIRTRADE Österreich über die Organisation, die Ziele, den Unternehmensservice und die Frage, wie Unternehmen selbst gezielt fair gehandelte Produkte einsetzen können.
EuM: Erläutern Sie uns bitte kurz die Zielsetzung und das Konzept von FAIRTRADE.
FAIRTRADE Österreich wurde 1993 als gemeinnütziger Verein von elf großen FAIRTRADE AkteurInnen wie ua. z.B. Aktion Dritte Welt, ARGE Weltläden, Dreikönigsaktion der Katholischen Jugend Österreichs, Katholische Frauenbewegung, Caritas gegründet. FAIRTRADE handelt als unabhängige Siegelinitiative nicht selbst mit Waren, sondern vergibt das Siegel für fair gehandelte Produkte. Das FAIRTRADE Gütezeichen garantiert menschenwürdige Arbeitsbedingungen und faire Bezahlung, fördert ökologische Produktionsweisen, schafft Marktzugänge für Kleinbauernorganisationen und gewährleistet Transparenz in den Herstellungs- und Handelsbedingungen. FAIRTRADE ist wirkungsvolle Entwicklungszusammenarbeit!
Unsere Kernaufgaben bestehen in
- der Sicherung des Marktzugangs zu fairen Bedingungen für ProduzentInnen und ArbeiterInnen aus benachteiligten Regionen des Südens
- sowie der Kontrolle und Zertifizierung von Produkten mit dem FAIRTRADE Gütezeichen nach den Internationalen Standards des Fairen Handels (FLO)

EuM: FAIRTRADE kennt man als Konsument vor allem von Kaffee, Kakao und Bananen. Aber wie können Unternehmen von FAIRTRADE profitieren?
Hier geht es um die soziale und ökologische Verantwortung von Unternehmen: Immer mehr Unternehmen realisieren Konzepte im Bereich Corporate Social Responsibility (CSR). Sie wollen damit Sensibilität gegenüber MitarbeiterInnen, Umwelt und KonsumentInnen dokumentieren und beweisen, dass ethisches Handeln und ökonomischer Erfolg in Einklang gebracht werden können. Mit Corporate Social Responsibility (CSR) wird vor allem die Verantwortung von Unternehmen als Teil der globalen Gesellschaft bezeichnet. Ins Zentrum des Interesses rücken Umweltverträglichkeit der Produktion, Fairer Handel und soziale Standards, die für alle MitarbeiterInnen im gesamten Wertschöpfungsprozess Geltung besitzen.
Den größten Nutzen von CSR sehen ExpertInnen in einer erhöhten Einsatzbereitschaft und Motivation der MitarbeiterInnen, gesteigertem öffentlichen Ansehen und einer verbesserten Kundentreue. Nachhaltigkeit rechnet sich ganz einfach, da klar ein Wettbewerbsvorteil entstehen kann!
Waren bisher Kosten, Qualität und Nutzen meist alleinige Entscheidungskriterien der KonsumentInnen, so werden zusehends die Bedingungen, unter denen ein Produkt hergestellt wird, in Kaufentscheidungen einbezogen. Zudem sehen bekannte Marken sich vermehrt Vorwürfen ausgesetzt, weil mitunter ihre Produkte unter fragwürdigen Umständen hergestellt werden – etwa mittels ausbeuterischer Kinderarbeit in Ländern wie Indien, Brasilien oder Pakistan. Heute beteuern diese Marken, dass sämtliche LieferantInnen überwacht würden und Kinderarbeit ausnahmslos untersagt sei.
Selbstverständlich begrüßt FAIRTRADE alle Initiativen von Großkonzernen, die sich um den Auf-/Ausbau von transparenten und fairen Handelsstrukturen bemühen, soziale sowie menschenrechtliche Verantwortung unabhängig von der Wettbewerbsposition wahrnehmen und ihr Handeln nicht nur nach ökonomischen sondern auch nach ökologischen, sozialen und menschenrechtlichen Zielen ausrichten. Die Gefahr, die jedoch bestehen bleibt, ist, dass gerade große Unternehmen „Auszeichnungen“ missbräuchlich einsetzen, um das „grüne“ oder „soziale“ Image des Konzerns zu verbessern.
Ohne transparente Überprüfung werden freiwillige Selbstverpflichtungserklärungen unglaubwürdig. Daher ist für uns eine wichtige Voraussetzung, dass eine von wirtschaftlichen Interessen unabhängige Kontrolle und Überprüfung der Maßnahmen gewährleistet wird. Alle CSR-Aktivitäten sollen freilich mehr bringen als nur das Image, soziale und ökologische Missstände nicht zu tolerieren. Um glaubwürdig zu sein, sind bei einer freiwilligen CSR Verpflichtung verschiedene Kernelemente in der Umsetzung zu berücksichtigen, wie die Einführung von wirkungsvollen Kontrollmechanismen, Bereitstellung von Informationen an die Öffentlichkeit, Verifizierung durch unabhängige Stellen.
Für das Funktionieren freiwilliger unabhängiger Kontrollen gibt es bereits konkrete Beispiele aus der Praxis – so im FAIRTRADE Bereich.
Mit dem FAIRTRADE Gütesiegel ausgezeichnete Produkte geben Ihnen die Sicherheit, dass Menschen in den Entwicklungsländern fair bezahlt und keine Kinder ausgebeutet werden. Und garantieren Ihnen die hohe Qualität naturnaher Landwirtschaft. Nur eine unabhängige Kontrolle gibt Sicherheit!
FAIRTRADE ist eine Gütesiegelinitiative, verkauft selber keine Produkte und ist weltweit die größte unabhängige Zertifizierungsstelle für soziale Kriterien. Um die Glaubwürdigkeit des FAIRTRADE Siegels zu gewährleisten, ist eine unabhängige Kontrolle - ohne wirtschaftliches Eigeninteresse - von größter Bedeutung.
Hinter dem FAIRTRADE Zeichen steht ein internationales System, das durch effiziente Kontrollen die Einhaltung der internationalen FAIRTRADE Kriterien sicherstellt. Produkte mit dem FAIRTRADE Gütesiegel gibt es in insgesamt 20 Ländern in Europa, Nordamerika, Australien und Japan. FAIRTRADE arbeitet mit über 550 zertifizierten ProduzentInnenorganisationen zusammen, und unterstützt so bereits mehr als 1 Million Familien in über 50 so genannten Entwicklungsländern.

EuM: Können Sie uns Beispiele von Unternehmen nennen, die FAIRTRADE-Produkte gezielt nutzen?
Mit FAIRTRADE befindet man sich in bester Gesellschaft: So kommen FAIRTRADE Produkte bereits in der Hofburg, genauer der Präsidentschaftskanzlei, zum Einsatz. Bundespräsident Dr. Heinz Fischer steht hinter der Idee von FAIRTRADE:
“Die Organisation FAIRTRADE ist ein besonders wirkungsvolles Beispiel für den gelungenen Versuch, die Solidarisierung von der Ebene des Wortes auf die Ebene der Taten zu heben. Denn wenn wir wirklich helfen wollen, müssen sich unsere Überzeugungen auch in wirtschaftlichen Möglichkeiten und täglichen Kaufentscheidungen niederschlagen.”
Bundespräsident Dr. Heinz Fischer
Zusätzlich werden im Europaparlament, dem Lebensministerium, der NÖ-, OÖ- und Steirischen Landesregierung, beim ÖGB und fast allen Gewerkschaften FAIRTRADE Produkte verwendet.
FAIRTRADE ist mittlerweile auch bei GroßverbraucherInnen im Trend: viele Firmenkantinen, öffentliche Institutionen, Büros und Uni-Mensen schenken bewusst Fairen Kaffee, Tee, Kakao, Orangensaft aus, verkaufen Faire Süßigkeiten und bevorzugen FAIRTRADE Bananen. Auch Hotels, Restaurants und Cafés reagieren mittlerweile auf das Interesse ihrer Gäste, Genuss und Sozialverträglichkeit zu verbinden. Die Qualität kommt auch hier gut an, wie unter anderem die Kommunalkredit Austria AG (Kaffee, Bananen, Schokonikolos)und mobilkom austria (Kaffee, Schokoriegel, Schokonaps, Zucker, Bananen, Orangensaft), Kontrollbank (Schokolade), Raiffeisen Landesbank NÖ-Wien (Kaffee Automaten), EB Restaurants und viele mehr.
EuM: Was genau ist der Unternehmensservice von FAIRTRADE? FAIRTRADE vertreibt die fair gehandelten Produkten nicht selbst?
Auf unserer Website finden interessierte Unternehmen umfangreiche Informationen zu Produkten mit dem FAIRTRADE Gütezeichen. Sie können sie sich ins Haus liefern lassen oder in den bekannten Selbstabholer Märkten direkt kaufen. Wenn Sie sich für Automatenkaffee interessieren, finden Sie hier eine Liste der Anbieter. Auf Wunsch bieten wir zum Unkostenpreis auch die Möglichkeit einer Produktverkostung an.
Gerne werden auch Infomaterial, Plakate, Tischaufsteller oder Sujets für Ihre Website zur Verfügung gestellt, um die positive FAIRänderung bekannt zu machen. Ihr Unternehmen wird auch gerne mit Foto oder Logo in die FAIRTRADE Referenzliste aufgenommen.

EuM: Für den Einkäufer im Unternehmen stellen sich ja immer die Fragen nach Kosten, Liefergarantie und Qualität: Wie schneiden hier FAIRTRADE-Produkte ab?
Für Unternehmen besonders wichtig: alle Produkte können geliefert werden.
Und die Kosten sind bei qualitativ gleichwertigen Produkten nur gering höher als bei Nicht-FAIRTRADE Produkten.
Zudem zeichnet FAIRTRADE-Produkte eine hoch stehende Qualität aus, was auch verschiedene Konsumententests beweisen. So war z.B. EZA Organico Espresso Testsieger eines Konsumententests im Jahr 2001 vor renomierten Marken, wie Lavazza oder Illy.
EuM: Welche Argumentationslinie empfehlen Sie einem Einkäufer, der FAIRTRADE-Produkte im Unternehmen einführen möchte?
FAIRTRADE bietet die Möglichkeit, sich hier in Österreich aktiv für eine gerechtere, lebenswerte Welt einzusetzen und den Problemen der Globalisierung entgegenzuwirken. FAIRTRADE bringt:
- positives Image
- sozialen Zusatznutzen
- gute Qualität
- ökologische Entwicklung
Das Thema FAIRTRADE ist spannend, vielschichtig und bereichernd. Bereits rund 40% der ÖsterreicherInnen kennen das Gütesiegel für Fairen Handel. Ziel ist es, das Thema FAIRTRADE noch stärker in das Bewusstsein der KonsumentInnen zu tragen und Handlungsalternativen zum Genuss von Produkten des täglichen Lebens aufzuzeigen.
Hier ein paar Tipps für Einkäufer zur Umstellung:
- Erheben der Fakten: Welche Produkte könnten durch FAIRTRADE Produkte ersetzt werden? Bei Kaffee z.B. Bedarf an ganzer Bohne oder gemahlen oder Löskaffee in Automaten? Welche Lieferbedingungen werden gewünscht?
- Infos von FAIRTRADE – Unternehmensservice einholen: FAIRTRADE steht für individuelle Beratung gern zur Verfügung. Nach ausreichender Information: Auswahl von Testprodukten entsprechend der gegebenen Rahmenbedingungen (z.B. Lieferkonditionen und Preis liegen im gewünschten Rahmen).
- Testen von FAIRTRADE Produkten: Sie testen die ausgewählten FAIRTRADE Produkte. Achten Sie bei Kaffee z.B. auf die richtige Zubereitungsart! (Maschineneinstellung) Expertentipp am Rande: Richtiges Verkosten von Kaffee erfolgt ohne Beigabe von Zucker oder Milch und im lauwarmen bis kalten Zustand. Nur dann kann man Kaffeequalitäten unterscheiden.
- Auswahl der geeigneten FAIRTRADE Produkte: Sie entscheiden sich für eine der über 20 Kaffeesorten (beinahe die Hälfte biozertifiziert!), bzw. wählen aus dem Angebot an Tees, Fruchtsäften, Schokoladen, Weinen, Reis oder Zucker. Auch erste Non Food Produkte sind bereits erhältlich, wie Bälle, Rosen und Shirts aus FAIRTRADE zertifizierter Baumwolle.
Bei Kaffeeautomaten ist die Umstellung übrigens besonders einfach:
Wer ist Ihre Aufstellerfirma? Bietet sie FAIRTRADE an? Wenn ja: Anruf genügt, um auf FAIRTRADE Kaffee umzustellen. Wenn nein: mit Firma verhandeln, FAIRTRADE ins Sortiment zu nehmen. Anbieterfirmen gibt es bereits viele.
EuM: Abschließende Frage ... wohin sollten sich Unternehmen wenden, wenn sie Interesse an FAIRTRADE-Produkten haben?
Bei der Umstellung steht Ihnen FAIRTRADE jederzeit beratend zur Verfügung. Wenn Sie sich für FAIRTRADE Produkte interessieren und daran denken, sie auch bei Ihnen einzuführen, informieren wir Sie gerne unverbindlich. Bitte nutzen Sie dazu unsere Online Info Anforderung im Web.
Auch für individuelle Beratung stehen wir gerne zur Verfügung:
Gertraud Akgün-Krenn
Unternehmensservice
+43 1 5330956 DW 13
.
EuM: Herzlichen Dank für dieses Interview!
Unsere Fragen beantwortete Mag. Veronika Polster, das Interview führte Markus Stolpmann.

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28.2.12Unverzichtbare Informationsquellen für Einkäufer, Wien, Dipl.-Wirtsch.-Ing. Jürgen Simon
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