Das Leben finden, das zu einem passt

[05.12.2010]

NotstoppHohe Einsatzbereitschaft und Flexibilität sind bei Führungskräften selbstverständlich – das geht oft auf Kosten des Privatlebens und der Gesundheit. Mit steigendem Termin- und Leistungsdruck arbeiten Manager oft am persönlichen Limit. Wie sein Leben auf der Jagd nach Erfolg aus den Fugen geriet, hat der Top-Manager Frank Krause am eigenen Leib erfahren. Die Diagnose Burn-out zwang ihn zu lernen, andere Prioritäten zu setzen. In seinem Buch „Notstopp“ beschreibt er den schwierigen Weg aus der Krise, seine (Selbst-)Erfahrungen während des Sabbaticals und die Rückkehr in ein ausgewogeneres Berufsleben.

Seit Miriam Meckels Buch „Brief an mein Leben“ wird Burn-out in der Öffentlichkeit diskutiert und es wird deutlich: In Managerkreisen ist es nach wie vor ein Tabu. Auch Frank Krause, erfolgreicher Manager in einem Weltkonzern, hatte sich lange hinter der Fassade eines perfekten Lebens verschanzt und das Offensichtliche nicht wahrhaben wollen: Er war ausgebrannt. Unter großem Leidensdruck, hat Frank Krause noch rechtzeitig die Notbremse gezogen und ist aus seinem Job ausgestiegen. Ein Sabbatical brachte Klarheit, wie es weitergehen kann.

Seine Erfahrungen während der Auszeit hat er festgehalten. In „Notstopp“ konfrontiert er den Leser mit unangenehmen Wahrheiten. Er zeigt die Schwierigkeiten im Ausstieg, aber auch, wie ein Weg zurück aussehen kann. Ein Aussteigerleben in Australien – so verlockend es scheint – war nie eine Alternative. Frank Krause entscheidet sich bewusst für die Rückkehr, jedoch mit dem Ziel, andere Werte zu leben. „Notstopp“ bricht auch mit dem vorherrschenden Männlichkeitsideal des „Machers“ und des Mannes als unermüdlicher Hochleistungsmaschine. Es ist zugleich Hilfe für Betroffene und ein Appell für eine andere Unternehmenskultur.

Im folgenden Gespräch erzählt Frank Krause zu seinem Buch „Notstopp – Ein Manager mit Burn-out steigt aus“:

Aussteigen auf Zeit hilft beim Umdenken

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie Sie immer weitermachen, obwohl Sie schon länger gespürt haben, dass Sie am Rande Ihrer Leistungskraft sind. Warum glauben Sie, dass es Ihnen – und vielleicht Führungskräften generell – schwerfällt zu sagen: So kann, so will ich nicht weitermachen?

Weil sie dann zur Reflektion des eigenen Lebenskonzept gezwungen wären. Die Frage „Passe ich noch zu dem Leben, das ich führe?“ macht Angst und wird solange verdrängt, bis es nicht mehr geht. Und wir Menschen sind Weltmeister in der Verdrängung und Umdeutung. Auf diese Weise kann man jahrelang leben, bis der Leidensdruck hoch genug ist und der Körper die Notbremse zieht.

Als Sie die Diagnose Burn-out akzeptiert haben, haben Sie sich für eine Auszeit in Australien entschieden. Nicht jeder kann sich einen solchen Schritt leisten. Gibt es Alternativen?

Das ist schwer zu beantworten, weil jeder Ausstieg eine individuelle Sache ist. Manager sollten sich diesen Schritt eigentlich leisten können. Wenn nicht diese Berufsgruppe, wer dann? Ich hatte Australien aufgrund der Entfernung gewählt. Ich wollte mich selbst davor schützen, meinen Entwicklungsprozess voreilig abzubrechen.

Sie schildern Ihre Erfahrungen in Australien sehr ambivalent. Hat man sein früheres Leben selbst dann im Gepäck, wenn man den Sprung in einen anderen Kontinent wagt? Und wie hilft eine solche Auszeit in der Krise?

Ich bin permanent an mein früheres Leben erinnert worden und an die Defizite, welche sich über die Jahre hinweg angestaut hatten. Besonders schmerzlich war, wie einseitig ich mein Leben gestaltet hatte. Während des Sabbaticals wurde ich durch das Leben selbst zwangsbelehrt und stellte mir natürlich Fragen: Welche Sozialkompetenzen waren auf der Strecke geblieben? Was konnte ich überhaupt beeinflussen? Am schwierigsten empfand ich die Unbekümmertheit und Gelassenheit, wie andere mit unabänderlichen Tatsachen umgingen – war ich doch durch meine Lebensstrategie stark davon geprägt, alles möglich machen zu müssen. Das war ein schwieriger Lernprozess für mich, der bis heute andauert.

In Australien haben Sie eine entspanntere Lebensweise und Arbeitseinstellung kennengelernt. Außerdem haben Sie Menschen getroffen, die ausgestiegen sind und ein vollständig anderes Leben führen. War dies nie eine Option für Sie?

Nein. Natürlich kamen mir diese Gedanken. Und fast wäre ich auch in Auckland geblieben. Aber nicht als Aussteiger auf einer Schafsfarm, sondern als Lehrbeauftragter an der Universität. Nein, ein vollständig anderes Leben wäre keine Option für mich gewesen und ist es auch heute nicht. Diese Art von Aussteigerleben wird meiner Meinung nach zu stark verklärt. Wer diesen Lebensstil für sich testen möchte, kann ja mal ein paar Monate auf einer Farm in Australien arbeiten und dann entscheiden, ob er das danach noch immer möchte.

Warum haben Sie sich für eine Veröffentlichung Ihrer Erfahrungen entschieden? Ist das Thema Burn-out nicht bereits in Unternehmen präsent?

Ich möchte Betroffenen, die an einen Ausstieg denken, Mut machen. Und an die Führungskräfte appelliere ich, darüber nachzudenken, wie sie wirken und was sie bewirken, wenn sie Mitarbeiter nur unter dem Aspekt der Ressourcennutzung betrachten. Im Sport können wir alle mitreden: Kein Trainer würde seinen Schützling so überfordern, dass er den Wettkampf am Ende verliert, weil er sich davor nicht mehr regenerieren konnte. Ich will deutlich sagen: Ich bin nicht gegen Leistung und die Pflicht zur Leistungserbringung. Ich möchte, dass Führungskräfte beides tun: Leistung einfordern, aber auch ein Urteilsvermögen darüber entwickeln, wo die individuellen Leistungsgrenzen eines jeden Mitarbeiters sind.

Als Führungskraft stehe ich auch in der Pflicht zu wissen, wann es für mich und andere genug ist. Führung verlangt auch – und zuerst – die Führung der eigenen Person. Dieses Bewusstsein ist zu vielen Führungskräften seit ein paar Jahren, aufgrund von Wachstums- und Allmachtsfantasien, abhanden gekommen. Das Thema ist zwar in den Unternehmen präsent, aber leider oft nur bei denen, welche bestenfalls die Schäden reparieren können. Den Personalabteilungen wünsche ich da mehr Mut zur Einflussnahme im Voraus. Die jüngeren Leistungsträger sind heute unabhängiger. Sie achten viel stärker darauf, dass sie nicht außer Balance geraten, und suchen sich im Zweifelsfall einen anderen Job.

Cover NotstoppDas Buch:
Frank Krause
Notstopp – Ein Manager mit Burn-out steigt aus
Hardcover, 172 Seiten
BoD 2010, 22,90 Euro (D)
ISBN 978-3-83918-576-6

Das Buch bei Amazon

Weitere Informationen zum Buch sowie eine Leseprobe finden Sie unter http://www.notstopp.de

(Der Abdruck des Gespräches erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Regina Eisele, connecting team.)




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